Warum dieses Thema mir wichtig ist

Es gibt wenige Dinge, die mich als Trailrunnerin mehr nervös machen als dichter Nebel auf einer Höhenroute – und doch sind es genau solche Situationen, in denen Vorbereitung und Ruhe den grössten Unterschied machen. Ich erinnere mich an einen Herbstlauf im Jura, als die Sicht binnen Minuten von 50 auf unter 5 Meter sank. Mein GPS hatte gerade einen kurzen Aussetzer, und ich war froh, dass ich meine Karte und meinen Kompass dabei hatte. Seitdem habe ich meine Routinen verfeinert und ein paar praktische Tricks gesammelt, die ich hier teilen möchte.

Die Grundregel: Planung vor dem Start

Navigation ohne Elektronik beginnt lange bevor du losläufst. Ich plane meine Touren immer mit einer Papierkarte (Swisstopo oder Kompass-Karten) und markiere kritische Punkte: Übergänge, Jumps, Wasserquellen und mögliche Fluchtwege ins Tal. Wenn ich allein unterwegs bin, informiere ich jemanden über meine geplante Route und die grobe Rückkehrzeit. Bei Schlechtwetterprognosen wähle ich eher kürzere, tiefer gelegene Strecken oder verzichte ganz aufs Laufen.

Karte und Kompass: die Basics auffrischen

Auch wenn ein Smartphone praktisch ist, ersetzt es nicht die Fähigkeit, Karte und Kompass zu lesen. Ich trage immer einen leichten Silva- oder Suunto-Kompass bei mir – Modell ohne Schnickschnack, robust und mit markierter Nordrichtung. Übe regelmässig zu Hause: Peile Berge oder Hügel an, übertrage Peilungen auf die Karte und lauf bewusst nach Kurs.

Praxis-Tipps zur Orientierung im Nebel

Wenn die Sicht schlechter wird, gelten bei mir folgende Schritte:

  • Ruhe bewahren: Panik führt zu schlechten Entscheidungen. Atme tief durch und halte an.
  • Standort sichern: Wenn möglich, suche einen sicheren Standpunkt (Wegkreuz, markanter Felsen), notiere ihn auf der Karte und vergleiche die letzten bekannten Merkmale.
  • Richtung überprüfen: Kompass raus. Bestimme eine Hauptpeilung zur nächsten sicheren Orientierung (z. B. zum Tal, Hüttenweg, Höhenzug).
  • Schrittzählung / Pacing: Nutze deine Schrittlänge, um Distanzen abzuschätzen. Ich habe für verschiedene Untergründe ungefähre Paces im Kopf (z. B. 85 Schritte pro 100 m bergauf technisch).
  • Höhenmeter kontrollieren: Wenn du eine Barometeruhr oder altmodischen Höhenmesser hast, kannst du damit vergleichen, ob du dich in der erwarteten Höhenzone befindest.
  • Orientierung ohne Karte: Gelände lesen

    Manchmal liegt keine Karte zur Hand. Dann hilft es, das Gelände zu lesen:

  • Vegetation: Baumartenwechsel oder Niederschlagsspuren können Hinweise auf Höhenlagen oder Exposition geben.
  • Geländeform: Täler, Kämme und Mulden lassen sich oft auch bei geringer Sicht ertasten. Laufe nicht blind in ein Muldengebiet, das zu einer Steilwand führen kann.
  • Wasserläufe: Das Rauschen eines Bachs kann lebenswichtig sein – es führt oft ins Tal und zu Wegen.
  • Orientierung an Markierungen und Trittsiegeln

    Auf Schweizer Trails gibt es oft Wegzeichen, Steinmanndli (Steinhaufen) oder Markierungen auf Bäumen und Felsen. Im Nebel sind diese oft die einzigen sicheren Hinweise. Achte auf:

  • Farbmarkierungen: Rot-Weiss-Rot (Wegweiser), gelbe Pfadzeichen (Ortspfad). Merk dir die Richtung, in die die Markierung zeigte.
  • Steinmännchen: Sie markieren oft Gratverläufe oder alpine Wege. Folge ihnen nur, wenn du sicher bist, dass sie zu deiner Route gehören – manche Gebiete haben saisonale Steinmännchen, die verwirren können.
  • Gruppenführung und Kommunikation

    Bei Nebel laufe ich nie alleine, wenn die Route technisch ist. In der Gruppe gilt:

  • Langsam und kompakt: Vermeide, dass sich Läufer auseinanderziehen. Ich halte die Gruppe nah beieinander, mit einem festen Abstand, den jeder kennt.
  • Führungswechsel: Die Person vorn ist verantwortlich für die Navigation; wechselt diese Person, kommuniziert es laut.
  • Akustische Signale: Trillerpfeifen, Helmglöckchen oder selbst einfache Absprachen (2x pfeifen = stoppen) helfen bei schlechter Sicht.
  • Signalisieren und Rettung

    Sollte die Situation unsicher werden, sind Signale wichtig. Ich habe immer eine Signalpfeife (z. B. Fox 40) dabei und weiß die lokalen Notfall-Nummern. Drei kurze Pfiffe sind international ein Notsignal. Wenn möglich, bleibe an einem sicheren Ort sichtbar – weisse oder reflektierende Dinge an einem Stock befestigen können Suchmannschaften helfen.

    Ausrüstung, die wirklich hilft

    Eine passende Ausrüstung macht die Navigation leichter. Hier eine kurze Übersicht, die ich praktisch finde:

    Gegenstand Warum ich ihn mitnehme
    Papierkarte (Swisstopo) Unabhängig von Akku; präzise Höhenlinien
    Kompass (Silva/Suunto) Robust und zuverlässig für Peilungen
    Signalpfeife (Fox 40) Lautes Notsignal, funktioniert auch bei Nebel
    Headlamp mit rotem Licht Orientierung und Signalisierung bei schlechter Sicht oder Nacht
    Notfallfolie & Extra-Schicht Schutz bei Kälte oder wenn man länger warten muss

    Training für schlechte Sicht

    Navigation ist wie jede andere Fähigkeit: Übung macht den Meister. Ich übe bewusst Touren bei reduzierter Sicht (z. B. im Nebel oder Dämmerlicht) und baue Navigationseinheiten in mein Training ein: Peilungen, Schrittzählung und das Lesen von Höhenlinien. Kleine Trainingsaufgaben, wie ein Punkt auf der Karte anzulaufen ohne GPS, helfen sehr.

    Entscheidungsregeln: Abbruchkriterien

    Eine gute Entscheidung ist oft die sicherste. Bei mir gibt es klare Kriterien, wann ich umdrehe oder einen alternativen Plan wähle:

  • Sicht unter ~30 m auf exponierten Passagen → zurück oder Route abkürzen.
  • Unsicherheit über die nächste Etappe (keine Markierung, keine verlässlichen Landmarken) → anhalten, Karte konsultieren, Gruppe zusammenziehen.
  • Wetterverschlechterung (Sturm, starke Regenfront) → Talabstieg oder Rückzug zur nächsten Hütte.
  • Meine letzten Gedanken vor dem Aufbruch

    Jede Tour ist ein Abwägen von Risiko und Erlebnis. Nebel kann ein magischer Moment sein, der die Landschaft verwandelt – dennoch sollten wir die Natur respektieren und unsere Grenzen kennen. Mit den hier beschriebenen Routinen und etwas practice lässt sich die Wahrscheinlichkeit reduzieren, sich zu verirren. Und falls doch etwas passiert: Ruhe, Übersicht und ein paar einfache Tools sind oft alles, was du brauchst, um sicher heimzukommen.